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    <title>GESCHICHTEN</title>
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    <description>Dokumentationen, Reportagen und andere Texte, veröffentlicht in GEO Saison, Lufthansa Magazin, Lufthansa Exclusive, Women‘s World, mare, auf ZEITonline u.a.</description>
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      <title>Rocketbuster Boots</title>
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      <pubDate>Wed, 19 Jan 2011 21:41:48 +0100</pubDate>
      <description>&lt;a href=&quot;http://www.boemedia.de/boemedia/Geschichten/Eintrage/2011/1/19_Rocketbuster_Boots_files/boem-Rocketbuster03.jpg&quot;&gt;&lt;img src=&quot;http://www.boemedia.de/boemedia/Geschichten/Media/object002_1.jpg&quot; style=&quot;float:left; padding-right:10px; padding-bottom:10px; width:254px; height:135px;&quot;/&gt;&lt;/a&gt;Arnold Schwarzenegger trägt sie in seinem Gouverneursbüro. Bruce Willis, wenn die Action ruft. Julia Roberts besitzt ein Paar mit den Initialen ihrer Zwillinge. Sharon Stone hält ihr Design geheim. Verliehe Hollywoods Prominenz einen Oscar für Cowboystiefel, der Gewinner wäre: Die Rocketbuster Boots Company.&lt;br/&gt;„Es begann alles in einer alkoholschwangeren Winternacht im Jahr 1989“, erinnert sich Marty Snortum. Der erfolgreiche Werbefotograf hockte in einer Bar seiner Heimatstadt El Paso. Ihm gegenüber ein dort, an der mexikanischen Grenze gestrandeter Bayer. Schon bald gestanden sie einander ihre Leidenschaften: Marty liebte Cowboystiefel, der Bayer alte Autos. Ein paar Tequilas später hatten sie eine Idee: Marty besaß einen Cadillac-Leichenwagen, Baujahr 1959, der Bayer eine winzige Stiefel-Manufaktur. „Was lag näher – zumindest in unserem benebelten Zustand“, lacht Marty, „als einfach zu tauschen?“&lt;br/&gt;Gesagt, auf einem Bierdeckel besiegelt und mit weiteren Tequilas begossen. Als Marty am nächsten Morgen aufwachte, war er Chef zweier Stiefelmacher und stolzer Besitzer einiger Nähmaschinen, eines Vorrats gegerbter Tierhäute und eines Pachtvertrages über ein altes Lagerhaus. &lt;br/&gt;In einer Stadt wie El Paso, die als Amerikas „Capitale der Cowboy Boots“ gilt, war das nicht mal außergewöhnlich. Nirgendwo sonst fertigen so viele Schuster so exklusives Schuhwerk für so berühmte Stiefelmarken. Um hier aufzufallen, muss man ein großes Rad drehen. Am besten das größte, dachte sich Marty und feuerte seine Stiefelmacher an, ein Paar Riesenboots zu bauen. 50 Kilo Gewicht, gut 1,50 Meter Höhe und Schuhgröße 680 reichten für einen Eintrag ins Guinness-Buch der Weltrekorde – sowie die entsprechende Publicity.&lt;br/&gt;Auch sein zweiter Coup entsprang einer gewissen Exzentrik und der Notwendigkeit extravaganter Einfälle: „Ich wollte Western Boots im Hollywood-Stil der 30er und 40er Jahre machen“, grinst Marty, „Und ich wollte, dass Roy Rogers sie trug!“ &lt;br/&gt;Ohne jede Scheu rief er den Star an. Rogers, der Inbegriff des amerikanischen Helden, Country-, Radio-, Fernseh- und vor allem Kinostar mit Rollen in über 100 Filmen und drei Sternen auf dem Hollywood Walk Of Fame, war begeistert. Er lud Marty nach Los Angeles ein, ließ ihn seine komplette Garderobe fotografieren und dazu passende Stiefel entwerfen. &lt;br/&gt;Jetzt kam Marty erst richtig in Schwung. Er machte Rogers größtem Konkurrenten Gene Autrey, der als einziger Künstler der Welt sogar fünf Sterne auf dem Walk Of Fame hat, erfolgreich das gleiche Angebot. Und übertraf sich dann erneut: Er bat die Hollywood Cowboys, die beide 1998 gestorben sind, Leder zu signieren, um daraus eine limitierte Edition zu fertigen. Ursprünglich mal 5000 Dollar teuer, gewinnen die Reliquien seither beständig an Wert und stehen mittlerweile in etlichen internationalen Museen.&lt;br/&gt;Ihrem Namen alle Ehre machend, stieg die Rocketbuster Boot Company zu einem Stern am Himmel der Stiefelmacher auf. Doch allein mit Charme und Chuzpe ist auf die Dauer kein Geschäft zu betreiben. Die Urban-Cowboy-Mania der Achtziger verebbte Mitte der Neunziger – und mit ihr die Nachfrage nach Cowboy Boots. „Mein Fotostudio lief immer besser, ich selbst lief monatlich einen Marathon, doch Rocketbuster liefen die Kunden weg. Ich wollte zu viel auf einmal“, analysiert Marty im Nachhinein.&lt;br/&gt;In dieser schwierigen Situation schickte ihm der Modehimmel eine Erlöserin: Nevena Christi, Kunststudium in Paris, Modedesignstudium in New York. „Ich kam nach El Paso, um Stiefel für eine Modenschau zu entwerfen“, erzählt Nevena, „und wir verliebten uns wahnsinnig. Zurück in New York hing ich monatelang nur noch am Telefon. Dann folgte ich dem Lockruf des Südens.“ Sie lacht, sie ist glücklich. &lt;br/&gt;Nevena ergänzte Martys spleenige Ideen um geschulte Kreativität, technisches Wissen, langjährige Erfahrung und striktes Management. Sie entwickelte ein genaueres System, nach dem Rocketbuster-Kunden ihre Daten für die Maßanfertigung ihrer Stiefel übermitteln können. Sie kreiert regelmäßig neue Designs und - fast noch wichtiger - sie kümmert sich um das eigentliche Kapital der Firma: die Stiefelmacher. &lt;br/&gt;Drei Generationen der Familie Mendoza arbeiten bei Rocketbuster. Sie kommen aus Ciudad Juarez, El Pasos mexikanischer Schwesterstadt. Täglich pilgern die Schuster über die Grenze ins gelobte Land. Sie sind stolz auf ihre Profession, die niemand sonst so gut beherrscht wie sie. Bis zu 400 Arbeitsschritte investieren sie in die aufwändigsten Stiefel - und jedes Detail ist handgearbeitet. &lt;br/&gt;Dementsprechend sieht die Liste der Rocketbuster-Kunden aus: Tom Hanks und Tom Cruise, Oprah Winfrey und Meg Ryan finden sich darauf. Steven Spielberg trägt ein Paar mit Bildern seiner Familie. Whoopi Goldberg hing am Telefon geduldig in der Warteschleife, bis sie endlich ihre Bestellung aufgeben konnte.&lt;br/&gt;„Wir machen außergewöhnliche Stiefel für außergewöhnliche Menschen“, schwärmt Nevena, „Rocketbuster Boots sind wie Schweizer Uhren: Etwas fürs Leben!“</description>
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      <title>Terje Isungset: Musik aus Eis</title>
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      <pubDate>Tue, 18 Jan 2011 21:34:23 +0100</pubDate>
      <description>&lt;a href=&quot;http://www.boemedia.de/boemedia/Geschichten/Eintrage/2011/1/18_Terje_Isungset__Musik_aus_Eis_files/image8.jpg&quot;&gt;&lt;img src=&quot;http://www.boemedia.de/boemedia/Geschichten/Media/object022_1.jpg&quot; style=&quot;float:left; padding-right:10px; padding-bottom:10px; width:254px; height:135px;&quot;/&gt;&lt;/a&gt;Minus 37 Grad Celsius. Das ist schaurig kalt - und lebensbedrohlich noch dazu. Normale Menschen frieren bei diesen Temperaturen bis ins Mark, doch Terje Isungset entfaltet seine Seele. Zumindest für zehn Minuten, länger hält auch er es nicht aus. Vermummt in einen Anorak, den Wuschelkopf unter einer Kapuze versteckt, macht der 44-jährige Norweger Musik – auf Instrumenten aus Eis. &lt;br/&gt;Bedenkt man das Ambiente – Isungset steht auf einem Jahrhunderte alten Gletscher – ist um so erstaunlicher, was für warme, freundliche Geräusche er seinen kristallinen Klangerzeugern entlockt. Sie erinnern an afrikanische Marimbas, asiatische Gongs und Blasinstrumente aus Bambus. Tatsächlich spielt der Musiker auf zerbrechlichen Eisskulpturen, die ihm bei zu langer Berührung die Haut von Fingern oder Mund fetzen würden.&lt;br/&gt;„Wenn man mit Eis arbeitet, regiert die Natur“, erklärt Terje. „Der Mensch hat dann nichts zu sagen. Das schätze ich.“ Auch sonst geht er gern den schwereren Weg: Isungset improvisiert seine Musik an den Schnittstellen von Ambient Music, Jazz und Folk. Seine Chancen, die Hitparaden zu stürmen, sind also denkbar klein. Heute gilt er als einer der innovativsten Perkussionisten Europas und ist auf über 40 CDs zu hören. Doch brauchte er zehn Jahre, um seine Stimme zu finden, seinen ureigenen Klang. Dafür gab er eine Karriere als Trommler in erfolgreichen Pop- und Rock-Bands auf. „Ich hatte das Gefühl, nichts Neues beitragen zu können. Ich fühlte mich gefangen in all den Referenzen zu anderen Musikern und althergebrachten Stilrichtungen, die in meinem Spiel auftauchten. Also begann ich, frei zu improvisieren.“ &lt;br/&gt;Ein gleichermaßen radikaler wie erstaunlicher Schritt, denn als Achtjähriger trommelte Terje auf Hochzeiten noch 50er-Jahre-Evergreens, mit seinem Vater, einem Akkordeonspieler. Zehn Jahre später liebte er Jazz-Rock von Weltstars wie Weather Report und Chick Corea, zog aus seinem Heimatdorf Geilo in den norwegischen Bergen in die Szenestadt Bergen und konnte sich bald vor Engagements kaum retten. Doch mit Mitte Zwanzig kam die große Unruhe, dieser Wunsch, eine Blume zu entdecken, die noch niemand zuvor gesehen hatte. Der Wunsch, Musik zu machen, die neu und einzigartig war.&lt;br/&gt;Als erstes baute sich Terje ein neues Drum Kit: 200 Fundstücke, Holz, Steine, Industrieschrott. Diesem Sammelsurium entlockte er Geräusche, die denkbar weit von allen Konventionen entfernt waren, die er bereits perfekt beherrschte. „Ich begab mich bewusst in Gefahr“, erinnert sich Terje, „aber ich konnte nicht anders. Die Musik entscheidet, was ich spiele, wohin ich gehe, nicht andersherum.“ &lt;br/&gt;Für diese Überzeugung nahm er ein Jahrzehnt des Kampfes in Kauf. Eine Ewigkeit, in der seine Kollegen verständnislos den Kopf schüttelten. In der er sich als Musiklehrer durchschlagen musste und mit sich haderte, denn er selbst fand seine Ideen nicht gut genug, seine Musik zu uninspiriert. Es war ein kompletter Neubeginn, das Erlernen einer neuen Sprache. Als er sie endlich beherrschte, wurde er der Mann fürs Außergewöhnliche. In dieser Funktion lud man ihn im Jahr 2000 zu den Winterfestspielen in Lillehammer ein. Sein Auftrag: den Klang eines gefrorenen Wasserfalls hörbar zu machen.&lt;br/&gt;Begeistert von diesem Erlebnis beschloss Isungset, sein nächstes Konzert beim Millenniumsfest in Schweden ausschließlich mit Instrumenten aus Eis zu bestreiten. Doch wäre er nicht er selbst, hätte er es bei simplen Schlaginstrumenten belassen. Nein, auch Blas- und Saiteninstrumente wollte er bauen, und tat sich dafür mit dem Eisbildhauer Bengt Carling zusammen. &lt;br/&gt;Wieder betrat Terje absolutes Neuland, wieder stand ihm seine Beharrlichkeit zur Seite. Nach etlichen, oft genug vergeblichen Anläufen weiß er heute, dass Eis absolut frei von Blasen, Rissen und Verunreinigungen sein muss, um wirklich gut zu klingen. Drei Tage und Nächte sägen, schneiden, raspeln und feilen Bengt und er mit Kettensägen und japanischen Spezialmessern an Trommeln und Trompeten, Glockenspielen und Gitarren für ein einziges Konzert. Viele der Instrumente gleichen transparenten Skulpturen und sind bereits schweigend wunderschön. Zwei von zehn zerbrechen in der Regel, nur eins von acht klingt wirklich gut. Doch ob und wie, darüber entscheidet allein die Natur. Genau wie über den besten Ort und Zeitpunkt, sagt Terje mit der ihm eigenen Bescheidenheit: „Minus fünf Grad bei absoluter Windstille sind perfekt. Aber ein Gletscher, der dieses Jahr hervorragendes Eis liefert, hält nächstes Jahr vielleicht nur stumme Stücke bereit. Und 700 Jahre altes Eis klingt ganz anders als 2500 Jahre altes.“ &lt;br/&gt;Gemessen an diesen Dimensionen ist das weitere Jahrzehnt, das seit Isungsets Erlebnis mit dem Wasserfall vergangen ist, verschwindend kurz. Doch hat er in dieser Zeit etliche Preise für seine Musik bekommen, Einladungen in die ganze Welt und ein stolzes Funkeln, wie Patina auf seiner Zurückhaltung. Er betreibt die einzige Plattenfirma, die ausschließlich Eismusik veröffentlicht und ihre CDs in eigens gebauten Iglus aufnimmt. Dort gefrieren zwar die Computerbildschirme, doch schmelzen die Instrumente nicht. Und jedes Jahr zum ersten Vollmond veranstaltet er ein Ice Music Festival in seinem Heimatort Geilo. Hunderte von Fans pilgern im Januar in die norwegischen Berge um zu erleben, wie sich Terje Isungset und seine Mitstreiter den Elementen stellen. Wie ein leises Schnippen gegen einen filigranen Eissplitter ein tiefes Grollen erzeugt, ein Hauch in eine Eistrompete ein zartes Klagen, oder eine mit rot gefrorenen Fingern gezupfte Eisharfe ein melodisches Schweben. Wie Wind und Wärme die Stimmung des Eises verändern, oder es den Musikern bereits während ihres Auftritts unter den Fingern wegschmelzen lassen, lange bevor es – wie nach Isungsets Konzerten üblich – der Natur zurückgegeben wird.&lt;br/&gt;„Meine Musik ist ein Abbild des Lebens“, sagt Terje, „Wie kein Tag, so gleicht kein Konzert dem anderen, und keines lässt sich wiederholen. Bis zum Schluss regiert die Unberechenbarkeit, alles ist improvisiert und war am Ende ... nur geliehen.“&lt;br/&gt;</description>
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      <title>Die neue Welle: Surf-Kunst</title>
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      <pubDate>Mon, 17 Jan 2011 21:30:17 +0100</pubDate>
      <description>&lt;a href=&quot;http://www.boemedia.de/boemedia/Geschichten/Eintrage/2011/1/17_Die_neue_Welle__Surf-Kunst_files/Bildschirmfoto%202010-01-28%20um%2017.32.06.jpg&quot;&gt;&lt;img src=&quot;http://www.boemedia.de/boemedia/Geschichten/Media/object023_2.jpg&quot; style=&quot;float:left; padding-right:10px; padding-bottom:10px; width:254px; height:135px;&quot;/&gt;&lt;/a&gt;„Ich weiß nicht, ob jemand diese Boards wirklich zum Surfen benutzt,“ zweifelt Nick Palandrani augenzwinkernd, „obwohl sie diesen Zweck natürlich perfekt erfüllen. Aber als Wandschmuck erregen sie definitiv Aufmerksamkeit!“&lt;br/&gt;Allerdings! Es beginnt meistens mit einem erstaunten „Whow!“. Dann bleiben Mund und Augen eine Weile weit offen, bis die Begeisterung der Betrachter sich einzelnen Details widmet: „Hast Du den Hai gesehen? Diese Monsterwelle? Dieses unglaubliche Licht unter Wasser?“. Das sind die Meeres- oder Fotografieliebhaber. „Guck dir an, wie nahtlos die Finne in das Board übergeht! Und diese Intarsien ..., das ist ja echtes Holz!“. So staunen Wellenreiter, die in der Regel gesichtslose Massenware unter den Füßen haben, wenn sie sich den Elementen stellen.&lt;br/&gt;Das genaue Gegenteil produzieren Nick und sein Partner Bruce Gordon seit vier Jahren: handgearbeitete Präzisionsbretter mit extravagantem Design. Doch vor Kurzem entwickelten sie — gemeinsam mit dem Fotografen Brown Cannon III — die „Surface“-Edition. Boards, die selbst ihre bislang aufwändigsten Arbeiten in den Schatten stellen. Initiiert von Brown, der nach einer unkonventionellen Methode suchte, seine Bilder auszustellen, schaffen die drei Kalifornier Liebhaberstücke für Edelsurfer mit preisgekrönten Meeresbildern. &lt;br/&gt;Basis der Boards ist leichter Kunststoffschaum, so weich, dass man ihn mit dem Daumen eindrücken kann. Nick formt ihn wie ein Bildhauer zu Long oder Short Boards. Gleich nach der Highschool jobbte er im Surfer-Mekka Santa Cruz: &amp;quot;Damals  nannten sie mich Sweepy, weil ich den Dreck der anderen aufwischen musste. Doch ich lächelte und war stolz, dabei zu sein. Wir bauten Boards für legendäre Surfer, die weltweit in allen Magazinen auftauchten — und ich trug meinen Teil dazu bei.“ Heute ist er selbst Shaper, gestaltet Guns, lange, schmale Geschosse für sehr hohe Wellen, Eggs, rundliche Spaßboards für Anfänger, oder Fishes, radikal kurze Boards für kleine Wellen. Er gibt Bug, Heck und Rändern ihr funktionsbedingtes Aussehen und schleift Concaves, vielgestaltige Vertiefungen, in die Unterseiten, damit die Boards wendig kurven oder gravitätisch gleiten. &lt;br/&gt;Die Stringer, schmale Holzleisten in der Mitte des Boards, sorgen für die nötige Steifigkeit. Bei GP Surfboards sind sie Schmuckstücke aus hunderten Einzelteilen, präzise von Bruce aus Edelhölzern gesägt, geleimt und geschliffen. Das gilt auch für die intarsienverzierten Finnen, die in Form und Anordnung Produkte langjähriger Forschung und Erfahrung sind. „Keiner von uns will der Held sein!“, sagt der Tischler. „Jeder macht, was er kann und alle geben ihr Bestes. Jedes Board ist ein Abenteuer und stellt uns vor neue technische Probleme.“ &lt;br/&gt;Dazu gehört auch, Größe, Gewicht, Breite der Schultern oder Länge der Füße jedes Kunden bei der Konstruktion zu berücksichtigen. „Auf Wunsch fahren wir sogar in ihre Lieblingsbuchten, testen dort die Wellen und stimmen alle Details darauf ab. Soll die Farbe des Bretts zu der des Autos passen, oder die Maserung des Holzes zu der des Armaturenbretts? Auch kein Problem.“&lt;br/&gt;Brown waren andere Entsprechungen wichtiger. In wochenlangen Versuchen fand er die Drucktechnik und den Untergrund, durch die Charakter und Farben seiner Bilder dem zunächst flüssigen Fiberglass-Finish trotzen. Außerdem sollte jedes Bild ein Gefühl transportieren, als surfe man das Board auf dem man es sieht. „Thema und Tonung des Bildes müssen mit Einsatzgebiet und Material des Boards korrelieren. Dabei soll jede Fotografie weiter für sich bestehen.“&lt;br/&gt;Heute greifen Funktion und Ästhetik der 15 Bretter seiner „Surface“-Edition perfekt ineinander. Formen und Designs erzählen die Geschichte des Surfens von den Fünfzigern bis heute. Zudem repräsentieren sie spezielle Surfstile auf unterschiedlichen Wellen. Board, Bild und Brandung bilden eine Synthese. Der eingangs zitierte Hai zum Beispiel ziert eine schwarze Mini-Gun mit der man große Wellen reitet, wo diese Tiere oft anzutreffen sind. Ihre Finne hat einen besonders aggressiven Schwung und ihr Stringer symbolisiert das Grusel erregende Grinsen eines Haigebisses.&lt;br/&gt;Sechs bis 15.000 Dollar kosten die Boards, die am Ende sogar — ganz Kunst — über sich hinausweisen. Einen Teil der Erlöse spendet Brown Umweltorganisationen wie der Surfrider Foundation oder dem Marine Mammal Center: “Surfboards ermöglichen eine intime Kommunikation mit dem Meer. „Surface“ erzählt eine Geschichte über die Ozeane, über die Notwendigkeit, diese Lebensräume zu schützen. So bekommen meine Bilder eine Stimme.“&lt;br/&gt;</description>
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      <title>Diane Lacy – Cowgirl mit Kamera</title>
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      <pubDate>Sun, 16 Jan 2011 18:26:24 +0100</pubDate>
      <description>&lt;a href=&quot;http://www.boemedia.de/boemedia/Geschichten/Eintrage/2011/1/16_Diane_Lacy_Cowgirl_mit_Kamera_files/65.%20Kokernot%20Cowboys%3AWaylon%20Jennings.jpg&quot;&gt;&lt;img src=&quot;http://www.boemedia.de/boemedia/Geschichten/Media/object008_1.jpg&quot; style=&quot;float:left; padding-right:10px; padding-bottom:10px; width:254px; height:135px;&quot;/&gt;&lt;/a&gt;Eine weithin sichtbare Staubwolke am Horizont kündigt sie an. Fernes Hufetrappeln und Wiehern, hin und wieder ein anfeuernder Ruf. Dann tauchen die Pferde hinter einer flachen, baumbestandenen Erhebung auf. Mehr und mehr Tiere galoppieren mit geblähten Nüstern und wehenden Mähnen auf den Corral zu. Rund 200 sehnige, muskulöse Leiber drängen sich aneinander, fädeln sich durch ein schmales, hölzernes Gatter. Ein gutes Dutzend berittener Cowboys auf den Fersen, unter ihnen eine Frau - Diane Lacy. Während die Männer aus dem Sattel springen und das Gatter schließen, zieht Diane eine Fotokamera aus ihrer Satteltasche. Schnaubend und stampfend kommt die Herde zur Ruhe. Bald darauf herrscht berührend tiefer Friede, wie ihn nur eine große Ansammlung entspannter Tiere ausstrahlen kann. &lt;br/&gt;Die Kamera klickt. Köpfe heben, Ohren spitzen sich. Neugierig treten die Pferde näher, zu zweit, zu dritt, recken die Hälse, schnuppern vernehmlich. Diane steht mitten unter ihnen. Portraitiert konzentriert einen schlanken Pferdekopf, den intelligenten Blick aus tiefbraunen Augen. Plötzlich kommt Bewegung in die Tiere. Mit unbewegtem Oberkörper, nur aus dem Handgelenk heraus, schwingt Dianes Mann Chris sein Lasso und wirft. Zielgenau legt sich die Schlinge um den Hals eines Schimmels, der sich gelassen aus der Herde isolieren lässt. Diane schiebt den störenden Cowboyhut in den Nacken und schießt Bild um Bild. Dokumentiert, wie Chris sein Lieblingspferd begutachtet, ihm über Flanken und Beine streicht, einen verhakten Zweig aus der Mähne zupft. „Ho“, sagt er leise und tätschelt dem Tier den Hals, bevor er ihm Zaumzeug anlegt und es sattelt. Lächelnd setzt Diane die Kamera ab. „Ich muss mich auch um mein Pferd kümmern. Schließlich bin ich zuallererst Rancherin und nur in zweiter Linie Fotografin.“ &lt;br/&gt;Morgenlicht vergoldet die Davis Mountains, die letzten Ausläufer der Rocky Mountains. Hier, in Texas’ tiefem Süden, nahe der mexikanischen Grenze, liegt die Kokernot 06 Ranch. 220 Quadratmeilen offene Graslandschaft. Keine Häuser, keine Straßen, nicht mal Zäune durchtrennen die wildromantische Weite. Genau so muss es hier bereits ausgesehen haben, als noch Indianer das Land durchstreiften. „Seit der Jahrhundertwende hat sich bei uns nicht viel geändert“, bestätigt Diane. „Wir bewirtschaften das Land wie unsere deutschstämmigen Vorfahren: ohne Maschinen, nur mit Pferden. Zweimal im Jahr ist Round Up. Wir schlagen irgendwo hier draußen unser Camp auf, leben wochenlang nur in Teepees und treiben die Rinder zusammen. Im Herbst verladen wir die Kälber, die verkauft werden sollen, im Frühjahr werden die Jungtiere gebrannt.“ &lt;br/&gt;In ihrer Cowboykluft mit Stiefeln, Sporen und Chaps, den ledernen Überhosen, würde man Diane Lacy auf maximal 40 schätzen. Tatsächlich ist sie zehn Jahre älter, hat zwei längst erwachsene Kinder und bereits die ersten Enkel. Während ihres Kunststudiums auf der Texas Christian University in San Antonio lernte sie Chris kennen. Er musste das Stadtkind nicht lange bitten, mit ihm auf die Ranch seiner Großeltern zu ziehen. Seit sie denken kann ist Diane ein Fan des Cowboylebens und völlig vernarrt in Pferde. „Bei unserer Hochzeit unkten alle meine Freunde, ich würde mich auf dem Land ganz ohne Einkaufszentren und Restaurants schrecklich langweilen. Aber nach 30 Jahren kann ich mir trotz Entbehrungen und harter Arbeit kein spannenderes Leben vorstellen.“ &lt;br/&gt;Ihre Kinder Kristin und Lance empfinden offenbar nicht anders. Schon im Alter von vier Monaten schleppte Diane sie mit auf die Round Ups. Gestillt wurde im Teepee, Schulunterricht erteilte sie später selbst. Im Sattel saßen die Racker bereits, ehe sie richtig laufen konnten. „Hier macht niemand seine Kinder zu Zimperliesen, dafür ist gar keine Zeit. Und das Ergebnis gibt mir doch recht, oder?“, fragt Diane voller Stolz. Lance hat wie Kristin nach seinem Studium geheiratet. Er lebt mit seiner Frau Brandy in einem eigenen Haus auf der Ranch. Jetzt grinst er verlegen vom Pferd herab. Diane tätschelt lachend sein Bein, während er umständlich seinen Cowboyhut zurechtrückt, damit ein wenig mehr Schatten die Röte auf seinem Gesicht verdeckt. &lt;br/&gt;Wie die Männer fängt und sattelt Diane ein frisches Pferd aus der Remuda, der Herde der Wechselpferde. Dann schwärmt sie gemeinsam mit ihren Cowboys aus. Auf der Kuppe der meilenlangen Bergkette angelangt, hat sich die Gruppe weit auseinandergezogen. Jeder Reiter schrumpft zu einem kleinen Punkt am Horizont. Im Tal hinter den Hügeln grast friedlich ein Teil der über 3000 Rinder mit dem traditionellen 06 Brandzeichen, einem der ältesten in Texas. In guten Zeiten schwillt die Herde bis auf 6500 Exemplare an, doch jahrelange Dürre im Süden der USA zwang die Lacys, immer mehr Tiere zu verkaufen. Glücklicherweise hat es in den letzten Tagen stark geregnet. Das nahrhafte Grammagras, das weitflächig in der Hitze verdorrte, leuchtet saftig grün. Die meisten Wasserlöcher, die das Vieh in den vergangenen Monaten nur mit knochenhartem, rissigem Lehm enttäuschten, glitzern gut gefüllt in der Sonne. Langsam ziehen die Cowboys den Kreis um die Herde enger. Betont ruhig, ohne hektische Manöver, trennen sie Muttertiere mit Kälbern, Ochsen und Stiere voneinander. Die Pferde, so genannte Cutting Horses, sind hervorragend für die Arbeit mit dem Vieh ausgebildet. Wann immer eine Rind zu flüchten versucht, fängt das Pferd es fast ohne Zutun seines Reiters wie ein Schäferhund wieder ein.&lt;br/&gt;Diane nimmt die Zügel zwischen die Zähne und rupft sich die Lederhandschuhe von den Händen. Dann greift sie erneut zur Kamera, die an ihrem Sattelknauf baumelt. Während sie den Film wechselt, erzählt sie: „Die Round Ups sind die wichtigste Zeit meines Lebens. Sie sind so überwältigend, so einzigartig, man könnte platzen. Oft wünsche ich mir, andere Menschen könnten diese Momente mit uns teilen. Das menschenleere Land, die farbenprächtigen Sonnenuntergänge, die stolzen Pferde. Die Cowboys mit ihren breitkrempigen Hüten und klingenden Sporen, die Art wie sie gehen, miteinander reden oder das Lasso schwingen. Der Koch am knisternden Feuer, der duftende Dampf über den Pfannen. Leider kann ich die Geräusche und Gerüche nicht festhalten, aber alles andere kann ich fotografieren.“&lt;br/&gt;Wie die meisten traditionellen Rancher pilgern auch die Lacys mit ihren Cowboys jedes Jahr zum Texas Ranch Round-Up in Wichita Falls. Drei Tage lang treten die Ranches in allen Disziplinen des Cowboylebens gegeneinander an. Vom Bullenreiten bis zum Kochen eines mehrgängigen Menüs müssen unterschiedlichste Aufgaben zwischen Knochenbruch und Sinnenfreude bewältigt werden. Dazu gehören auch Wettbewerbe in Fotografie, Malerei, Kunsthandwerk, Tanzen, Singen und Musizieren. 1993 stellte Diane dort zum ersten Mal Fotos aus und landete prompt auf dem dritten Platz. Im nächsten Jahr, ehrgeiziger geworden, ergatterte sie die Silbermedaille, im dritten schlug sie schließlich den Mann, der seit Jahren immer wieder Sieger des Wettbewerbs war. Seither kaufen immer mehr Leute ihre Bilder, stellen Galerien und Museen wie das Cowboy Artist Museum in Kerrville ihre Werke aus, ist die Fotografie Dianes zweiter Beruf geworden. &lt;br/&gt;Doch auch wenn es Preise und Veröffentlichungen in Western Life Style Magazinen wie „Cowboys and Indians“ regnet, geht ihre Arbeit als Rancherin vor. „Meine Bilder leben von Spontaneität und der Kraft des Augenblicks. Wenn ich hier draußen bin, baue ich kein Stativ auf. Ich habe keine Zeit, von Farb- zu Schwarzweißfilmen zu wechseln. Ich warte nicht stundenlang auf das richtige Licht oder lasse meine Jungs posieren. Ich sage oft zu Chris, heute werde ich nur fotografieren. Tu so, als sei ich gar nicht da. Doch kaum sind wir im Gelände, muss ich mich wieder um die Rinder kümmern.“&lt;br/&gt;Auch jetzt bleibt Diane nur Zeit für ein paar schnelle Schüsse aus dem Sattel. Dann wird sie bei handfesteren Tätigkeiten gebraucht. Die Cowboys fangen mit dem Lasso die Kälber aus der Herde. Kaum zappelt eines in der Schlinge, stürzt sich ein zweiköpfiges flanking team darauf und wirft es in den Staub. Während die Männer das ängstlich muhende Tier festhalten, drückt Diane ihm das glühende Eisen mit dem Brandzeichen 06 ins Fell. Kleine Rauchwölkchen kräuseln sich, es stinkt nach verbrannten Haaren. Die Kamera ruht derweil auf einem Pfahl neben Diane. Wann immer sich eine Gelegenheit bietet, greift sie danach und fotografiert den geschäftigen Viehzüchteralltag: Unter gleißender Sonne werden die frischgebrannten Kälber von Team zu Team geführt, bekommen eine Ohrmarke, werden geimpft oder kastriert. &lt;br/&gt;Ohne die Heirat mit einem Rancher könnte Diane von ihrem jetzigen Leben nur träumen. Niemand stellt ein Cowgirl ein, das nicht zur Familie gehört. Die Ehefrauen der Cowboys sind gar nicht amüsiert, wenn die Konkurrenz wochenlang mit ihren Männern in der Wildnis campt. Diane hingegen stellt keine Bedrohung dar. Trotzdem wird sie auffällig zuvorkommend behandelt. „Cowboys sind absolute Gentlemen“, bestätigt sie und kann die Freude nicht verhehlen, in den Augen ihrer Männer etwas Besonderes zu sein. „Sie nehmen den Hut ab, wenn sie mit einer Frau reden, überlassen ihr den Vortritt und bieten ihr immer einen Sitzplatz an. Sie sind die unabhängigsten, aber auch die höflichsten Menschen, die ich kenne.“ Schwärmerisch verfeinert Diane das Psychogramm: „Cowboys lieben das Leben in der freien Natur. Sie lieben Pferde und Rinder. Die Tiere machen einen manchmal ganz verrückt, weil sie so unberechenbar sind. Darum muss man geduldig, freundlich, sicher und innerlich gefasst sein. Cowboys brauchen einen starken Geist, Willen, Charakter und natürlich einen starken Körper, sonst sind sie dem Job nicht gewachsen. Sie sind sehr loyal, aber sie lehnen es ab, sich von irgendeinem anderen Menschen oder der Regierung etwas sagen zu lassen. Und Cowboys sind immer in der Lage, eine Situation bis zum Ende zu durchdenken, sie einzuschätzen und anschließend mit dem richtigen Plan zu kommen.“ &lt;br/&gt;Am Ende des Tages müssen allerdings nicht die Cowboys, sondern der Koch den richtigen Plan haben. Pedro ist bereits Stunden vorher am neuen Lagerplatz eingetroffen. Sein selbstgebauter Chuck Wagon mit Dutzenden von Fächern und Halterungen verbirgt eine Großküche voll ungeahnter Schätze unter seiner Plane. Über dem lodernden Lagerfeuer brodelt ein Kessel blasenschlagenden Fetts. Daneben hängt eine blaue Emaillekanne mit heißem Kaffee. Auf glühender Holzkohle dampfen Töpfe voll Gemüse und Fleisch. An einer Strebe des Planwagens baumelt ein Korb mit frischem Obst. Als die Cowboys nach getaner Arbeit im Camp eintrudeln, backt der Mexikaner gerade Brot in der Glut. Schnell werden die Pferde abgesattelt, während Pedro handgeschnittene Pommes Frites in den Kessel über dem Feuer schüttet. Hungrig greifen alle nach Geschirr und Besteck, türmen die Teller voll, suchen sich einen Platz im Gras und fallen über das rustikale Abendmahl her. Zufrieden lächelnd reibt Pedro sich die Hände, während Diane ihm anerkennend auf die Schulter klopft. Selbst nach fünf Wochen ununterbrochener Arbeit in der Wildnis, wenn alle bis an ihre Grenzen erschöpft und entsprechend dünnhäutig sind, garantiert ein guter Koch die gute Laune.&lt;br/&gt;Jetzt, als sie kauend und plaudernd nebeneinander ums Feuer sitzen, werden die Altersunterschiede der Cowboys deutlich. Der jüngste ist erst 16. Sein weiches Kindergesicht zeigt noch keine Spur von Flaum. Verstohlen beobachtet er seine Kollegen, lauscht ihren knappen Kommentaren zu den Ereignissen des Tages, ahmt mit heiligem Ernst jede Geste nach, jeden Gesichtsausdruck. Wird er angesprochen, huscht ein freudiges Leuchten über sein Gesicht. Sie nehmen ihn ernst, er ist einer von ihnen. Der älteste wird 76. Trotz tiefer Furchen im Gesicht wirkt er 20 Jahre jünger - und wie aus dem Ei gepellt: blütenweißes Hemd und blanke Stiefel, egal wie hart der Tag war. Die Männer haben jeden Morgen ein bisschen Angst ihn zu wecken. Sein Herzschrittmacher schaltet sich manchmal aus. Nach einer dreifachen Bypass-Operation leidet er unter ständigen Schmerzen. Diane raunt, er sei immer noch einer der Besten auf der Kokernot Ranch. In Rente zu gehen und nur noch zu Hause zu sitzen, ist das Schlimmste, was er sich vorstellen kann. Als sein Arzt ihm riet, sich zu schonen, lautete seine Antwort, wenn er schon sterben müsse, dann garantiert nicht im Sessel, sondern im Sattel. &lt;br/&gt;Soviel Charakter beeindruckt selbst Superstars. Vor einigen Jahren besuchte der Countrysänger Waylon Jennings die Kokernot Ranch, um sich vom Round Up zu neuen Songs inspirieren zu lassen. Abends am Lagerfeuer vergaß der Mann, der problemlos vor tausenden von Fans auftritt, vor lauter Nervosität angesichts der echten Cowboys die Texte seiner eigenen Lieder. Erst später, als sein nicht minder berühmter Kollege Charlie Daniels dazu stieß, fing er sich wieder. Diane erinnert sich noch genau an den Moment: „Ich hatte mich mit den Kindern schlafen gelegt. Millionen Sterne strahlten vom stockfinsteren Himmel. Plötzlich begannen die Männer a capella zu singen. Klar und getragen klang „Amazing Grace“ durch die Nacht. Wir waren stumm vor Andacht. Dieses Erlebnis hat uns so bewegt, daß Lance und Kristin noch heute davon erzählen, obwohl sie damals ganz klein waren.“&lt;br/&gt;Heute Abend wird nicht mehr gesungen. Statt dessen wartet der Koch mit einer köstlichen Überraschung auf: er hat tatsächlich nachmittags Apfelkuchen mit Streuseln gebacken. Begeistert klatschen die sonst so stillen Männer Beifall. Als sie den Kuchen futtern, sind sie wirklich eins mit sich und ihrem Leben. Anschließend bedankt sich jeder mit netten Worten bei Pedro und wäscht sein Geschirr ab. &lt;br/&gt;Diane greift ein letztes Mal zur Kamera. Die Remuda hat sich über den ganzen Berghang verteilt. Friedlich grasen die Pferde unter riesigen, rosa schimmernden Wolken im Licht der versinkenden Sonne. Die Cowboys bauen ihre Teepees auf, traditionelle Indianerzelte aus weißgegerbtem Leder über langen Holzstangen. Drei bis vier von ihnen übernachten in jeweils einem Zelt, gut beschützt vor Wind und Wetter. Begleitet vom Klicken des Auslösers schallen Scherze und leises Gelächter herüber. Die Männer haben sich daran gewöhnt, bei jeder Gelegenheit fotografiert zu werden. Sie bemerken es gar nicht mehr. &lt;br/&gt;Nach ein paar Aufnahmen setzt Diane die Kamera ab. Sie sieht hinab ins Tal, über das wilde Land, das, so weit das Auge reicht, ihrer Familie gehört. „Hier draußen ist nichts von Menschen gemacht. In jedem Augenblick spürt man die Beziehung zum Wetter, den Bergen, dem Rauschen des Windes, dem Heulen eines Coyoten in der Ferne, zu seinem Pferd, den Rindern, dem Menschen neben sich. Die Cowboys reden nicht darüber, weil man nur schwer ausdrücken kann, wie überwältigend es ist. Selbst wenn wir hart arbeiten, müde sind, der ganze Körper schmerzt, wenn wir gerade eine Stampede in den Griff kriegen mußten oder nichts klappt – wir fühlen uns großartig und frei, weil wir ein Teil all dessen sind.“ Dann nickt sie bekräftigend und ergänzt: „ Genau so sollen sich auch die Betrachter meiner Bilder fühlen.“</description>
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      <title>Der maritime Ho Chi Minh-Pfad</title>
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      <pubDate>Sat, 15 Jan 2011 18:04:36 +0100</pubDate>
      <description>&lt;a href=&quot;http://www.boemedia.de/boemedia/Geschichten/Eintrage/2011/1/15_Der_maritime_Ho_Chi_Minh-Pfad_files/boemHalong%20BayDschunken672.jpg&quot;&gt;&lt;img src=&quot;http://www.boemedia.de/boemedia/Geschichten/Media/object162.jpg&quot; style=&quot;float:left; padding-right:10px; padding-bottom:10px; width:254px; height:140px;&quot;/&gt;&lt;/a&gt;16. Februar 1965, Tuy Hoa, Zentralvietnam. Lieutenant James S. Bowers, Medical Evacuation-Pilot der amerikanischen Luftwaffe, fliegt einen Rettungseinsatz entlang der Küste. Direkt über der Vung Ro Bay, bemerkt er eine kleine bewachsene Insel. Um 10.30 Uhr Ortszeit schaut er erneut über die Bucht und stutzt: Die Position der Insel hat sich verändert.&lt;br/&gt;Die folgenden Ereignisse gehen als Vung Ro Bay-Zwischenfall in die Geschichte des Vietnamkrieges ein. Bowers erkennt in dem vermeintlichen Eiland eine mit eingetopften Bäumen und Zweigen getarnte Dschunke. Im Bombenhagel der per Funk herbeigerufenen südvietnamesischen Streitkräfte sinkt das Schiff direkt vor der Küste.&lt;br/&gt;Erst drei Tage später sind Schiff und Strand gegen heftigen Widerstand erobert. Kurz darauf türmen sich 100 Tonnen Kriegsmaterial sowjetischer und chinesischer Herkunft am Ufer. Eine lange gehegte Vermutung der US-Militärs wird Gewissheit: Die kommunistische Guerilla-Organisation Nationale Front für die Befreiung Südvietnams, kurz Viet Cong genannt, unterhält mit Hilfe der nordvietnamesischen Volksarmee nicht nur einen Nachschubweg zu Lande, sondern auch einen zur See: den maritimen Ho Chi Minh-Pfad.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Ho Chi Minh Stadt, Vietnam. Die Fünf-Millionen-Metropole brodelt unter ihrer Smogglocke, heiß, feucht und abgasschwanger. Unzählige Mopeds verstopfen den Boulevard Hung Voung. Hier wohnt Nguyen Van Duc. Er hat sein Xe Moto in der Küche geparkt, direkt unter dem Ahnenaltar. „In meiner Jugend war ich Fischer,“ erzählt er und lauscht dem gedämpften Straßenlärm des ehemaligen Saigon. „Doch 1957 verhaftete die anti-kommunistische Polizei meinen Vater. Er kämpfte für die Wiedervereinigung Vietnams. Seine Leiche hat man nie gefunden. Kurz darauf ging ich in den Untergrund. Ich war gerade 16.“&lt;br/&gt;Vietnam ist zu dieser Zeit zweigeteilt, die von den USA unterstützte Kolonialmacht Frankreich verheerend von Ho Chi Minhs Befreiungsbewegung geschlagen. Auf Höhe des 17. Breitengrades trennt eine Demilitarisierte Zone Hos sozialistischen Norden vom pro-westlichen Süden unter dem selbsternannten Präsidenten Ngo Dinh Diem. Der Konflikt in Vietnam – eigentlich ein Bürgerkrieg - ist längst Teil des kalten Krieges zwischen Ost und West. Amerika glaubt an die Dominotheorie: Fällt Vietnam, fällt bald darauf ganz Asien.&lt;br/&gt;Die südvietnamesische Opposition ist überzeugt, in Nordvietnam entstehe der bessere Staat. Sie will die Wiedervereinigung des Landes mit Waffengewalt erzwingen. Als Ngo Dinh Diem 1959 die Verfolgung politischer Gegner verschärft, organisieren Ho Chi Minh und die militärische Führung des Nordens den von der Befreiungsbewegung gewünschten militärischen und personellen Nachschub. Im Laufe der kommenden Jahre entsteht ein über 3000 Kilometer langes, weit verzweigtes Netz geheimer Dschungel-Pfade und –Straßen. Zum Schutz vor Angriffen verläuft es überwiegend durch Vietnams neutrale Nachbarstaaten Laos und Kambodscha. Nach dem gleichnamigen Gebirge Truong Son-Route genannt, heißt es im Westen später: Ho Chi Minh-Pfad.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;„So wichtig die Truong Son-Route auch war,“ erklärt Nguyen Van Duc im fahlen Neonlicht seiner Küche, „für uns Seeleute stand fest: Übers Wasser ist der Süden leichter zu bewaffnen.“&lt;br/&gt;So nimmt am 23. Oktober 1961 Brigade 125 ihre Arbeit auf. Der nordvietnamesische Oberbefehlshaber General Vo Nguyen Giap, zuvor entscheidend für die Niederlage der Franzosen verantwortlich, benennt General Tran Van Tra zum Verantwortlichen des Projektes. Es soll unter größter Geheimhaltung auf dem Seeweg zwischen Hai Phong im Norden und der Halbinsel von Ca Mau im Süden Vietnams für den sicheren Transport von Waffen, Munition, Medikamenten und hohen Militärs sorgen. &lt;br/&gt;Duc ist 20 Jahre alt, als er 1962 auf dem ersten nicht registrierten Holzboot mit dem Codenamen Phuong Dong eingesetzt wird. Erfolgreich schlagen es sich von der geheimen Basis Do Son im Norden nach Ben Tre im Mekong Delta durch. Stolz erinnert sich Duc: „Im Anschluss an die Mission erhielten wir eine Auszeichnung, die nur wirklichen Helden vorbehalten war: Ho Chi Minh beglückwünschte uns persönlich und überreichte uns eine Medaille. Dieses Treffen war von hohem symbolischem Wert. In allen schwierigen Momenten, auf dem Meer oder unter dem Geschützfeuer des Feindes, dachte ich an ihn zurück. Fortan beschützte er mein Boot, ich war nie mehr allein.“&lt;br/&gt;Auf dem massiv bombardierten terrestrischen Ho Chi Minh-Pfad brauchen die Infiltranten drei bis sechs Monate zu Fuß, per Fahrrad oder LKW für den Weg in den Süden. Die maritime Route entlang der Küste bewältigen die Schiffe in acht Tagen. Bei 76 See-Einsätzen transportieren sie bis Ende 1964 4400 Tonnen nordvietnamesische Waffen sowie 113 Kader ins Herz der Kampfgebiete. Keine der Missionen wird entdeckt oder abgefangen.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Nguyen Tai Loc und Vu Dang Khoa stoßen 1964 zur nordvietnamesischen Marine. „Um unsere Eignung für die Brigade 125 zu prüfen, steckten uns die Offiziere in ein kleines Boot, brachten uns im Sturm aufs offene Meer hinaus und stellten für mehrere Stunden den Motor aus.“ Erfolgreich trotzen die beiden den riesigen Wellen, der Qual des Schlingerns und Stampfens. Dann werden sie monatelang ausgebildet und auf strikte Geheimhaltung eingeschworen. &lt;br/&gt;Locs erster Einsatz führt ihn zu seinem Geburtsort, den Pelikan-Grotten der Ha Long Bay. „Plötzlich ruderte meine ahnungslose Mutter mit ihrem Boot heran, um uns Fisch zu verkaufen. Doch jeder Kontakt mit Familie und Freunden war streng verboten. Unsere Brigade musste geheim bleiben. Schweren Herzens versteckte Ich mich auf dem Boden des Schiffes.“&lt;br/&gt;Seit Anfang des Jahres wird der maritime Ho Chi Minh-Pfad auf die internationale Schiffahrtsroute ausgeweitet. Loc und Khoa lernen See-Codes, internationale Schiffahrtsregeln, die Verwendung der Flagge und der Leuchtsignale, zu morsen, mit dem Kompass umzugehen und Seekarten zu lesen. Zur besseren Tarnung außerdem Englisch, Chinesisch und den südvietnamesischen Akzent.&lt;br/&gt;Während der stärksten Wintermonsune wagen sie die Fahrt Richtung Philippinen. „Sahen wir die Fischerboote wegen der hohen Wellen heimkehren, wussten wir, es ging bald los. Wir begegneten riesigen Frachtdampfern. Unsere Boote wirkten dagegen wie Zwerge. Sie waren nicht für die hohe See gebaut, denn wir sollten uns mit ihnen ebenso unbemerkt auf den kleinen Kanälen des Südens und den engen, flachen Abschnitten des Mekong Deltas bewegen.“&lt;br/&gt;Auch Nguyen Van Duc fährt auf dieser Route. Auf See erfährt er vom Tod seiner Mutter und fünf weiterer Familienmitglieder durch amerikanische Bomben. Doch die strikte Geheimhaltung seiner Mission verbietet ihm jede Reaktion. „Wir starteten von Hai Nan, dem Hafen von Haikou in China und benutzten die Gewässer Chinas, der Philippinen, Indonesiens, Malaysias, Kambodschas und Thailands. Wir verwendeten falsche Identifikationsnummern und die Flaggen angrenzender Länder. Schien die Sonne, warteten wir ab, bis es Nacht war oder sich das Wetter verschlechterte. Oft konnten wir weder navigieren noch feststellen, ob die amerikanische Flotte uns auflauerte.“&lt;br/&gt;Im Seegang tobender Unwetter erbrechen die Kämpfer ihre Nahrung. Oft steht das Schiff knietief unter Wasser. Alle mitgeführten Hühner ertrinken. Reis zu kochen ist unmöglich. Sie ernähren sich von russischen Vitamin- und Protein-Tabletten. &lt;br/&gt;Im Süden angekommen, übernehmen ortskundige Führer das Kommando. Sie kennen die Landeplätze im endlosen grünen Band der Küste. Bei Nacht gleiten die Boote unter Palmen und Mangroven durch kleine Flüsse. Sind die Passagen zu eng, werden sie in wochenlanger Arbeit erweitert.&lt;br/&gt;Ebenfalls nachts werden die Boote entladen, vor Anbruch des Tages sorgfältig mit Zweigen gegen amerikanische Aufklärungsflugzeuge getarnt. Um ihre Anonymität selbst vor ihren Mitkämpfern zu wahren, verbergen sich die Seeleute während ihres zehntägigen Erholungsaufenthaltes in einer Hütte. Dann brechen sie zu ihrer nächsten Mission gen Norden auf.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;2. August 1964, Golf von Tonkin, Nordvietnam. Seit sechs Monaten attackieren amerikanische Kampfschiffe, offiziell am Krieg nicht beteiligt, Einrichtungen der nordvietnamesischen Marine. Immer wieder dringt der amerikanische Zerstörer U.S.S. Maddox zur Aufklärung in nordvietnamesische Hoheitsgewässer ein. Am Abend wird das Schiff beschossen, ohne dass nennenswerter Schaden entsteht. Noch bevor die Nachricht bestätigt ist, kündigt Präsident Johnson im Fernsehen einen Vergeltungsschlag an. &lt;br/&gt;Zwei Tage später spioniert die Maddox erneut, diesmal begleitet von der U.S.S. Turner Joy. Gegen 11.00 Uhr vormittags legen Radarsignale den Schluss nahe, die Schiffe würden abermals attackiert. Zwei Stunden lang feuern die Zerstörer aus allen Rohren. Doch um 13.27 Uhr kabelt Captain John J. Herrrick nach Washington: „Angriff zweifelhaft, ungewöhnliche Wettereignisse und überambitionierte Sonartechniker verantwortlich für falsche Berichte.“&lt;br/&gt;Bis vor kurzem geheimgehaltene Protokolle über die Ereignisse bestätigen: Der zweite Angriff fand nie statt. Trotzdem wird er zusammen mit der ersten, „nicht provozierten“ Attacke zur Basis für die Golf-von-Tonkin-Resolution: Mit ihr ermächtigt der Kongress den Präsidenten, jedem südostasiatischen Land gegen kommunistische Aggression zu helfen. Eingeschlossen sind alle kriegerischen Einsätze der Streitkräfte ohne offizielle Kriegserklärung. &lt;br/&gt;Bis zu ihrem Ausscheiden aus dem niemals erklärten Krieg erhöhen die Amerikaner ihre Truppenstärke schrittweise auf über eine halbe Million Soldaten. Sie werfen rund acht Millionen Tonnen Bomben auf Nordvietnam und den terrestrischen Ho Chi Minh-Pfad in den neutralen Nachbarstaaten Laos und Kambodscha – viermal so viel, wie im gesamten Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurden. Der Generalstabschef der amerikanischen Luftwaffe Curtis LeMay: „Wir werden sie in die Steinzeit zurückbomben.“ Ho Chi Minhs Antwort: „Wollen die Amerikaner 20 Jahre Krieg, führen wir 20 Jahre lang Krieg. Wollen sie Frieden, schließen wir Frieden und laden sie zum Tee ein.“&lt;br/&gt;Mehr denn je sind die Nordvietnamesen auf den maritimen Ho Chi Minh-Pfad angewiesen. Doch, so Nguyen Van Duc: „Nach der Enttarnung des Schiffes in der Vung Ro Bay wurde es immer schwieriger, in den Süden zu kommen.“&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;In Folge des Vung Ro-Zwischenfalls bauen die amerikanischen Truppen im südchinesischen Meer das modernste Sicherheits- und Überwachungssystem ihrer Geschichte auf. Es soll über 60.000 Dschunken und Sampans an über 1200 Meilen Küste observieren. Da die meisten Boote neben der Fischerei dazu benutzt werden, Märkte aufzusuchen, bekommt das Unternehmen den Decknamen Market Time.&lt;br/&gt;Allein im ersten Monat werden über 4.000 Dschunken und Sampans kontrolliert, 1.100 davon durchsucht. Tatsächlich unterbindet Market Time den Transport von Nachschub und Soldaten per Schiff fast vollständig. Zwischen 1965 und 1970 gelingen der geheimen Brigade 125 von 47 Einsätzen nur zwölf, in den folgenden zwei Jahren fast keine. Die Gefahr der Entdeckung ist rapide gestiegen. Sie bekommen klare Befehle. Nguyen Van Duc: „Um für eine Enttarnung gerüstet zu sein, lagerten auf jedem Boot zwei Tonnen Dynamit. Im Falle höherer Gewalt sollten wir uns selbst versenken. Unsere Chancen zu überleben sanken kontinuierlich.“&lt;br/&gt;Nguyen Tai Loc: „Wir waren keine Kamikaze-Kämpfer, aber wir akzeptierten den Tod. Vor der Abreise führten wir ein Ritual durch, das der Begräbniszeremonie &amp;quot;Lê Tuy Dien“ ähnelte. Wir schworen, unser Leben für die Mission zu geben. Vor der Flagge, eine Hand auf dem Herzen, die andere zur Faust erhoben; das bestärkt den Mut und verringert die Angst.“&lt;br/&gt;Wie unmittelbar sie dem Tod ins Gesicht schauen, offenbart sich am 29. Februar 1968. An diesem Tag stellt die amerikanische Küstenwache bei Da Nang den ersten von vier nordvietnamesischen Trawlern, die an unterschiedlichen Orten versuchen, die Seeblockade zu durchbrechen. Während des heftigen Feuergefechts setzen die Vietnamesen ihr Schiff auf den Strand. Dann heißt es im Protokoll der Küstenwache lapidar: Kurz nach 2 Uhr 30 am 1. März zerstörte sich der Trawler selbst.&lt;br/&gt;Nguyen Tai Loc überlebte den Angriff. „Die Amerikaner eröffneten sofort das Feuer. Leuchtfeuer und riesige Scheinwerfer erhellten die Nacht. Während wir versuchten zu entkommen, kontaktierte der Kapitän das Basislager. Er erhielt den Befehl, den Trawler zu zerstören, sollte er den Amerikanern in die Hände fallen. &lt;br/&gt;Wir zitterten wie Espenlaub. Als wir unter starkem Beschuss das Ufer erreichten, sprangen wir ins Meer. Mit dem Maschinengewehr und den Patronengurten um den Hals konnte ich unmöglich schwimmen. Ich riss mir alles vom Körper und schwamm ans Ufer. Dort ging ein Kugelhagel auf uns nieder. Ein amerikanischer Flieger warf Bomben. Mit verbrannter Wange und gebrochenem Kiefer half ich einem verwundeten Kameraden an Land. Wir versteckten uns im Dickicht. Nur der Kapitän und der Mechaniker waren noch an Bord. Als sie alle anderen in sicherer Entfernung wussten, sprengten sie sich mit dem Schiff in die Luft.“&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;8. Mai 1972, Hai Phong, Nordvietnam. Als Antwort auf die Osteroffensive der Nordvietnamesen lässt Präsident Nixon 11.000 Minen in nordvietnamesischen Häfen versenken. Er ignoriert die im Mai 1968 aufgenommenen Friedensverhandlungen und die seit 1969 angestrebte „Vietnamisierung“ des Krieges, den Rückzug der USA aus der Region. &lt;br/&gt;Für die nächsten 14 Monate ist der maritime Ho Chi Minh-Pfad vollständig blockiert. Erst 1973 tritt Brigade 125 wieder in Aktion. Die Amerikaner haben das Land verlassen, Südvietnam ist auf sich allein gestellt. Bis zum endgültigen Ende des Krieges transportieren die Schiffe ohne Nummer noch einmal 37.786 Tonnen Waffen und über 17.473 Kader.&lt;br/&gt;Kapitän Tam, ein Freund Ducs: „Im Juli 1973 brachten wir den späteren Premierminister Vo Van Kiet von Do Son im Norden ins Mekong Delta. Auf der Rückfahrt im November fuhr der zukünftige Präsident der sozialistischen Republik Vietnams Lê Duc Anh an Bord. Wenn wir den Booten der Polizei und der Küstenwache begegneten, zeigten wir gefälschte Papiere. Der Brauch verlangte, dass Tee serviert wurde. Ich sagte zum Führer Le Duc Anh: „Geh, mache uns einen Tee!“, als spräche ich zu einem einfachen Schiffsjungen. Der Führer gehorchte mit gesenkten Augen, wie es sich beim Befehl eines Kapitäns gehört. So wirkte es echter und niemand bemerkte unsere List.“&lt;br/&gt;Am 30. April 1975 fällt schließlich Saigon. Der Krieg ist beendet. Das Land wird – wiedervereint – zur Sozialistischen Republik. Durch seine ungeheuren Opfer an Menschenleben und die unvorstellbare Leidensbereitschaft der Bevölkerung besiegt Nordvietnam die Amerikaner trotz ihres monströsen Materialeinsatzes. Zwei bis fünf Millionen Vietnamesen sind tot, die meisten von ihnen Zivilisten. Rund 700.000 kambodschanische und 50.000 laotische Zivilisten sowie 58.000 amerikanische Soldaten verloren ebenfalls ihr Leben. Die Dominotheorie der Amerikaner bestätigte sich nicht.&lt;br/&gt;15 Jahre lang durften die Männer des maritimen Ho Chi Minh-Pfades weder Freunde noch Familie sehen. „Wegen des Krieges konnte ich erst spät heiraten,“ erklärt Nguyen Van Duc in seiner Küche. „Meine Tochter ist so alt wie meine Nichten.“ Dann lächelt er. „ Doch ich hatte Glück: Die Hälfte der Brigade 125 opferte nicht nur ihre Jugend, sondern ihr Leben.“&lt;br/&gt;Der 23. Oktober, der Tag der Gründung der geheimen Brigade 125 im Jahr 1961, wird in Vietnam noch heute als „Tag des maritimen Ho Chi Minh-Pfades“ gefeiert. </description>
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      <title>Glamping und andere Campingtrends</title>
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      <pubDate>Fri, 14 Jan 2011 14:25:52 +0100</pubDate>
      <description>&lt;a href=&quot;http://www.boemedia.de/boemedia/Geschichten/Eintrage/2011/1/14_Glamping_und_andere_Campingtrends_files/boem-ElCapitanCanyon16.jpg&quot;&gt;&lt;img src=&quot;http://www.boemedia.de/boemedia/Geschichten/Media/object024_1.jpg&quot; style=&quot;float:left; padding-right:10px; padding-bottom:10px; width:254px; height:135px;&quot;/&gt;&lt;/a&gt;Neulich in Amerika, auf einem Camping-Platz namens „Safari West“: Frank Jordan, der ehemalige Bürgermeister von San Francisco, erzählt uns lachend, wie er als junger Mann auf einem deutschen Flughafen die Damen- für die Herrentoilette hielt, weil in „Damen“ ein „Men“ und in „Herren“ ein „Her“ auftaucht. Währenddessen singt seine Frau Wendy, eine angesehene Anlageberaterin, unablässig die Titelmelodie der TV-Serie „Flipper“ – auf Deutsch. Plötzlich wirft ihre Freundin Nancy, früher Direktorin des Zoos von San Francisco, beiläufig ein: „Vor kurzem war übrigens Linda Ronstadt hier, um George Lucas eine Giraffe zum Geburtstag zu kaufen.“ &lt;br/&gt;So etwas erlebt man nur beim „Glamping“, beim „glamorous camping“. Schluss mit schmuddeligen Gemeinschaftsduschen, lauwarmen Tütensuppen und muffigen Schlafsäcken! „Glamping“ verspricht die Annehmlichkeiten eines Fünf-Sterne-Hotels verbunden mit wohltemperiertem Outdoor-Thrill. Gegen entsprechende Bezahlung, versteht sich. Die Herrschaften, mit denen Sie den „Glamp Ground“ teilen, sind also hochrangige Politiker, Popstars, Hollywood-Tycoone, oder aus anderen Gründen betuchter als der Rest der Welt. &lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Zugegeben, „Safari West“ in der Nähe von Santa Rosa in Kalifornien ist selbst unter Angeboten, die mit Kunst, Kaviar und allzeit bereitem Butler locken, etwas Besonderes: 160 Hektar oder 226 Fußballfelder groß und von über 500 afrikanischen Tieren bewohnt, darunter Antilopen, Giraffen, Nashörner, etliche Vögel und Reptilien, sowie vom Aussterben bedrohte Arten wie Geparde oder ringelschwänzige Lemure.&lt;br/&gt;Ursprünglich war das Wildtierreservat Ausdruck der Tierliebe von Peter Lang, den bis heute jedes Gnu-Baby mehr interessiert, als aller Glamour der Welt. Später öffnete der Sohn des grammy-nominierten Hollywood-Regisseurs Otto Lang den Park zunächst zu Forschungszwecken, dann der Allgemeinheit. Im vergangenen Jahr kamen 60.000 Gäste — ein Viertel studierte, der Rest flanierte. 255 Dollar kostet die Nacht im original afrikanischen Safarizelt, ausgestattet mit Holzboden und Bad, handgefertigten Möbeln, geschmackvollen Accessoires und ... Heizdecken.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Die sind eine angenehme Begleiterscheinung des Glampens. Im Costanoa Camp, eine Autostunde südlich von San Francisco, wird es im Herbst nachts schon empfindlich frisch. Bei unserer Ankunft rüttelt der vom nahen Pazifik wehende Wind am Canvas-Bungalow und unsere vierjährige Tochter bemängelt unbarmherzig: „Das ist ja gar kein richtiges Zelt, das hat ja eine Tür.“&lt;br/&gt;Zwei Betten, zwei Adirondack-Stühle, einen Nachttisch, zwei Lampen, Steckdosen und die beschworenen Heizdecken hat es auch – auf knappem Raum. Es fehlt das Bad, dafür gibt es die übers Gelände verteilten Comfort Stations. Sehr sauber, mit heißen Duschen, Fußbodenheizung, 24-Stunden-Sauna und Feuerstelle.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Das Camp liegt konkurrenzlos schön zwischen zwei State Parks gleich hinterm legendären Highway 1. Kilometerlange Wanderwege, See-Elefanten und Wale vor der spektakulären Steilküste sowie ein Betrieb, der zu 85 Prozent den strengen kalifornischen Öko-Richtlinien entspricht, sind bei Hochzeitspaaren und großen Firmen wie Cisco für Wochenendsausen beliebt. Oder bei Menschen wie der Lehrerin Julie und ihrer Familie: „Die Kinder wollten unbedingt mal in die schicken Zelte mit den echten Betten. Und wir finden es ganz angenehm, dem Zimmermädchen das Aufräumen zu überlassen. Es ist zwar teurer als ein Motel, aber für ein Wochenende gönnen wir uns den Spaß.“ &lt;br/&gt;Schon zwei der 155-Dollar-Nächte könnten ein eigenes Zelt finanzieren, aber so rechnet ein Glamper nicht. Im letzten Jahr verzeichnete Costanoa eine Zuwachsrate von 70 Prozent. &lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Doch Kaltduscher und Selbstaufbauer aufgepasst: Heute muss niemand auf Komfort verzichten! In modernen Zelten wie Eurekas N!ergy Vision werden Mp3-Player oder Mikrowelle, Laptop oder Lockenstab mithilfe eines Kabelsystems durch drei 12-Volt-Steckdosen aus einer wieder aufladbaren Batterie gespeist. Das Zelt für bis zu sechs Personen gibt es ab 860,00 Euro.&lt;br/&gt;Robustere Naturen kaufen einen Offroad-Zeltanhänger von 3DOG. Hier der Angeberteil: 380 mm Bodenfreiheit, 570 mm Wattiefe, 32° Böschungswinkel, 45° Seitenneigung, extra lange V-Deichsel, wartungsfreie Gummifederachse mit hydraulischen Stoßdämpfern und wasserdichte, auf Lebenszeit gefettete Naben. Na, wie klingt das? Nach zehn- bis elftausend Euro – je nach Größe des integrierten, modular zu erweiternden Zeltes.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Apropos „modular“: Architekturstudenten der Uni Graz zeigten beim Caravan Salon in Düsseldorf die Studie eines so genannten „Mehrzellers“. Eines Wohnwagens, der mit Hilfe eines Konfigurators auf der Website des Herstellers aus Funktionszellen individuell gestaltet und anschließend weitgehend automatisiert gebaut wird. Zu einem Preis, der knapp über dem eines Standard-Caravans liegt. 40 Kooperationspartner konnten die Studenten bereits gewinnen, obwohl der „Mehrzeller“ momentan noch einer kubistischen Raupe auf Rädern gleicht.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Den ICE-Lookalike-Contest gewinnt dieses Jahr der hochglänzende, grau schattierte Luxus-Caravan Tabbert-Paganini, der selbst Fans klassischer Airstream-Trailer ins Grübeln bringen dürfte. Im Innern buhlen technische und optische Innovationen um den betuchten Camper, dessen Kasse um 37.000 Euro erleichtert werden soll. &lt;br/&gt;Mit dieser Offensive wollte die Knaus-Tabbert-Gruppe Käufer der Luxusklasse gewinnen, denn nur die blieben unbeeindruckt von steigenden Energiekosten, Rezessionsangst und Unsicherheitsfaktoren wie der zukünftigen Besteuerung und Umweltauflagen für Freizeitfahrzeuge. Allein, die Banken spielten nicht mit und verweigerten den üblichen Herbstkredit in Höhe von zwölf Millionen Euro. So musste Knaus-Tabbert — immerhin Deutschlands größter Wohnmobil- und Caravanproduzent mit rund 1500 Mitarbeitern — Anfang Oktober Konkurs anmelden.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Die Branche reagierte schockiert, aber auch überrascht, denn so schlecht ist die Saison 2007/2008 für sie nicht gelaufen. Der Reisemobilabsatz stieg der Entwicklung der letzten Jahre folgend um +3,5 Prozent auf 20.930 Fahrzeuge, während der Caravanabsatz trendgemäß um 6,4 Prozent auf 19.168 Einheiten sank. Im Herbst lagen die Caravans bei den Neuzulassungen dann erstmals wieder vor den Reisemobilen, die mittlerweile perfekt auf spezifische Kundenbedürfnisse abgestimmt werden. &lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Der 80.000 Euro teure Domo Adler ist zum Beispiel mit einem Kran ausgestattet, der des Motorradfahrers bestes Stück ins Heck des ausgebauten Sprinters hievt. Weit entfernt von Blümchenmustern und Plastikdekor wirken die durchdachten, solide konstruierten Domos je nach Ausbau wie kleine Hotelzimmer mit elektrisch absenkbarem Dachbett, oder effektive Büros mit Hängeregistratur und Flachbildschirm – dann eher kühl als cool.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Etwas überhitzt erscheint dagegen der Spezialanhänger zum Transport eines Zwei-Personenhubschraubers von VarioMobil. Dabei ist er eine der leichtesten Übungen des Luxusliner-Produzenten. Ein Klick auf dessen Website zeigt, was Sache ist: Der Vario Perfect 1200 Platinum hält sein schönstes Haifischgrinsen in die Kamera. Darunter die nüchternen Fakten: 12 m, 3 Achsen, 3 Erker, 420 PS, 25 t ZGG, PKW-Garage. Letztere ist eingebaut, wohlgemerkt. Wir ergänzen: Klimaanlage, Fußbodenheizung, Granitboden, satinierte Echtholzkirsche, cremeweißer Schleiflack, Blattgoldelemente, elektrische Ledersessel und ein Multimedia-Center. Na also, geht doch! Der Preis: Eine gute Million.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;„Okay,“ überlegen wir, als wir unter sengender Sonne über eine Schotterpiste im Death Valley brettern, „geht zwar, aber: Muss das sein?“ Kurzzeitig vernebelt unsere Staubfahne das faszinierende, durch und durch menschenfeindliche Tal. Ein Gruseln beschleicht uns bei der Vorstellung, wie hier 1849 die ersten Siedlertrecks verzweifelten. Dann machen wir, was auch geht: Wir bauen unser Zelt mitten in Amerikas tiefster, trockenster und heißester Wüste auf. Grillen überm offenen Feuer ein Stück Fleisch, trinken Wasser aus mitgebrachten Kanistern, starren gedankenverloren in die Milchstraße, lauschen dem Heulen der Coyoten – und fühlen uns großartig. Wie beruhigend, auch die einfachsten Dinge des Lebens genießen zu können.</description>
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      <title>American Beach</title>
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      <pubDate>Thu, 13 Jan 2011 13:43:40 +0100</pubDate>
      <description>&lt;a href=&quot;http://www.boemedia.de/boemedia/Geschichten/Eintrage/2011/1/13_American_Beach_files/SinkOrSwim.jpg&quot;&gt;&lt;img src=&quot;http://www.boemedia.de/boemedia/Geschichten/Media/object025_1.jpg&quot; style=&quot;float:left; padding-right:10px; padding-bottom:10px; width:254px; height:135px;&quot;/&gt;&lt;/a&gt;Wie fast jeden Sonntag stand Abraham Lincoln Lewis nach der Rückkehr vom Kirchgang an einem der riesigen Fenster im ersten Stock seiner 22-Zimmer-Villa. Die Hände über der Weste seines seidenen Anzugs gefaltet, starrte er über die leuchtende Blumenpracht des schier endlosen Gartens hinweg auf einen kleinen Park, der sein Grundstück von den nicht minder großen seiner Nachbarn trennte. Plötzlich riss ihn eine helle Kinderstimme aus seinen Grübeleien und er spürte, wie eine kleine Hand sich in die seine stahl. &lt;br/&gt;„Opa, es ist so heiß. Wollen wir nicht ans Meer zum Schwimmen gehen?“, lockte seine niedlich herausgeputzte Enkelin und zog an seinem Arm.&lt;br/&gt;Lewis war ein sehr beherrschter Mensch, fordernd gegenüber sich selbst und Untergebenen, gewissenhaft im Umgang mit Geld, treu seiner Kirche ergeben und geprägt von einem unbestechlichen Sinn für Gerechtigkeit. Niemals wurde er ausfallend oder fluchte. Und doch spürte das Mädchen seine nur mühsam gezügelte Emotion, als er scheinbar ruhig antwortete: „Die Strände des Staates Florida sind insgesamt 1197 Meilen lang. Aber für Leute wie uns ist dort nicht einmal soviel Platz, dass wir auch nur unser Handtuch ausbreiten könnten.“&lt;br/&gt;Nachdenklich legte das Mädchen die Stirn in Falten. Liebevoll betrachtete Lewis ihr kleines Gesicht: Es war genau so schwarz wie sein eigenes – und Schwarzen war der Zutritt zu Amerikas Stränden gesetzlich untersagt. Sie waren so unerreichbar wie das weiße Wohnviertel hinter dem Park, auf den Lewis eben noch gestarrt hatte, wie die glitzernden Pools und gepflegten Tennisplätze seiner weißen Nachbarn. Seine Villa eröffnete ihm täglich einen privilegierten Ausblick auf die Ungerechtigkeit. Sein Geld konnte ihm fast alles kaufen, nur nicht das Recht, an einem sonnigen Wochenende mit seiner Enkelin im Meer zu baden.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Abraham Lincoln Lewis war am 29. März 1865, zwei Jahre nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei, als freier Bürger in Madison, Florida geboren worden. Seine Eltern hatten ihm seinen Namen zu Ehren ihres Befreiers gegeben, des damaligen Präsidenten Abraham Lincoln. Zehn Tage nach seiner Geburt endete der amerikanische Bürgerkrieg mit der Kapitulation des letzten Generals der Konföderierten, der Sklavenhalter. Doch weder waren Schwarze in Amerika nun wirklich frei, noch besaßen sie die gleichen Rechte wie ihre weißen Mitmenschen. An die Stelle der Sklaverei traten Rassentrennung, Benachteiligung und Verfolgung: Weniger Lohn für gleiche Arbeit, höhere Preise für gleiche Güter, schlechtere Ausbildung und keine Chancen auf Karriere, keine Bedienung in Restaurants, beim Friseur oder an Tankstellen. Schwarze wurden gelyncht, wenn sie es wagten, einen „weißen“ Strand zu betreten. Sie mussten langjährige Prozesse führen, um sich das Recht zu erstreiten, ausnahmsweise ein öffentliches Schwimmbad besuchen zu dürfen. Widerwillige Sheriffs mussten sie beim Baden vor dem Mob schützen, murrende Hausmeister danach das gesamte Wasser ablassen und den entweihten Pool gründlich desinfizieren.&lt;br/&gt;Lewis würde bald seinen 70. Geburtstag feiern. Durch harte Arbeit, Zielstrebigkeit und Sparsamkeit hatte er es trotz seiner Hautfarbe sehr weit gebracht. Auch jetzt, 1935, war er immer noch bereit, eine große Idee in die Tat umzusetzen: Er würde einen Urlaubsort am Meer bauen – nur für Schwarze. Sein Werbeslogan würde lauten: „Erholung und Entspannung ohne Erniedrigung!“. Und um den für sein ganzes Land wegweisenden Charakter dieser Unternehmung zu unterstreichen, würde er ihr einen wahrhaft programmatischen Namen geben: „American Beach“.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Lewis hatte 22 Jahre in einem Sägewerk geschuftet, zunächst als einfacher Arbeiter, dann als Mechaniker und schließlich als Vorarbeiter, als höchstbezahlter Schwarzer des ganzen Betriebes. Im Alter von 36 Jahren nahm sein Leben eine Wendung, die er selbst nicht für möglich gehalten hätte: Mit einer Einlage von 100 Dollar pro Kopf gründete er gemeinsam mit dem Pastor und fünf weiteren Mitgliedern der Bethel Baptist Church in Jacksonville am 15. Januar 1901 Floridas erste und später größte Versicherung – die Afro-American Life Insurance Company. Ihr erstes Angebot war eine Begräbnisversicherung, denn nach afrikanischer Tradition war das Begräbnis, an dem die Toten mit ausgedehnten Ritualen geehrt wurden, der Höhepunkt im Leben aller Schwarzen. Die deprimierenden Armenbegräbnisse, während derer sie ohne Umstände in groben Kisten auf anonymen Massenfriedhöfen verscharrt wurden, raubten ihnen schon zu Lebzeiten die Seelenruhe. So avancierte die Police der Begräbnisversicherung zum höchstgeschätzten Gegenstand in schwarzen Haushalten. 13 Jahre später war A. L. Lewis einer der ersten schwarzen Millionäre Floridas. &lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Zwischen 1935 und 1946 kaufte Lewis das Land, auf dem seine Vision des „American Beach“ verwirklicht werden sollte. Allerdings musste ein weißer Agent das Geschäft zunächst auf seinen Namen abwickeln. Der Ku Klux Klan hatte öffentlich protestiert und weiße Landbesitzer unter Androhung von Gewalt aufgefordert, nicht an einen schwarzen Unternehmer zu verkaufen. &lt;br/&gt;Das insgesamt 350 Morgen große Terrain, überwuchert von Eichen, Palmen, Pinien, Lorbeerbäumen, Magnolien und Walnussbäumen, verfügte über eine halbe Meile Strand. Bereits sieben Monate nach dem Kauf des ersten Teilstücks stand das erste Haus. Es gehörte A. L. Lewis. &lt;br/&gt;Der Grundstein zu einem schwarzen Traum war gelegt, doch auf mit Sklavenblut getränktem Boden. Die Wahl für den Standort des American Beach war auf Amelia Island gefallen, eine malerische Halbinsel im äußersten Nordosten Floridas, ein ehemaliges Schmugglerparadies mit dunkler Vergangenheit: 1807 hatte der damalige Präsident Thomas Jefferson den Import von Sklaven für rechtswidrig erklärt. Da Florida zu dieser Zeit zu Spanien gehörte, galt das Verbot hier nicht. Die Sklavenhändler ließen ihre illegale Fracht auf der Halbinsel anlanden und später im ganzen Süden verkaufen. Wann immer amerikanische Soldaten verdächtige Schiffe vor der Küste aufbrachten, ließen die von der Todesstrafe bedrohten Kapitäne ihre kompromittierende „Ware“ einfach über Bord werfen. Bald darauf spülte die Dünung hunderte von toten Afrikanern an Amelias Strände.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Nun badeten Schwarze an diesen Ufern – frei und unbehelligt. Die Afro unterhielt sechs Gasthäuser ausschließlich für ihre Angestellten und deren Familien. Als eine der begehrtesten Prämien für gute Arbeit galt ein Sommeraufenthalt am American Beach in einem der Häuschen mit Garage, zwei Schlafzimmern, einem Wohnzimmer, einer Küche, einem Bad und – einer Veranda mit Seeblick.&lt;br/&gt;Allerdings wollte Abraham Lincoln Lewis mehr, als einen Ausflugsort für Schwarze schaffen. Vor der Küste Georgias, nördlich von Amelia Island, besaßen etliche Unternehmer und Bankiers Privatinseln. Diese Feriendomizile bildeten den Treffpunkt eines Schattenkabinetts der USA, das Schätzungen zufolge über ein Sechstel des Geldvermögens der gesamten Welt verfügte. 1930 schrieb ein Mitglied dieser Runde: Von den 59 Männern, die Amerika regieren, sind 50 meine Urlaubsfreunde.&lt;br/&gt;Nach diesem Vorbild wollte Lewis schwarzes Geschäfts- und Freizeitleben miteinander verbinden, die neu entstehende schwarze Elite aus Unternehmern, Wissenschaftlern, Anwälten und Professoren zwanglos zusammenführen. Doch als 1940 erst 25 von 200 Bauplätzen verkauft waren, sorgte er mit aggressiven Preissenkungen dafür, dass ein 20 mal 40 Meter großes Stück Land nur noch 150 Dollar kostete. Nun konnten sich auch einfache Arbeiter und Angestellte den Traum vom Ferienglück Seite an Seite mit den Reichen erfüllen. &lt;br/&gt;In den kommenden Jahren schossen Hotels und Gaststätten wie Strandhafer aus Amelias Boden. Alonzo Davis, der in Jacksonville erfolgreich das „Duck Inn“ betrieb, verwandelte sein Haus am American Beach in „Duck´s Ocean Vu Inn“. Er servierte Meeresfrüchte und sein bereits berühmtes Barbecue, dekorierte die Wände mit Fotos von Cab Calloway, Ethel Waters und Louise Beavers und spielte Jazzplatten.&lt;br/&gt;Bilder und Musik zogen Jazzfans in Scharen an. Viele Besucher kamen jeden Sommer wieder – so weit entfernt sie auch wohnten: San Francisco, Chicago oder Detroit. Kein Wunder, denn die Musik und vor allem das unvergessliche Essen mehrten Duck´s Ruhm kontinuierlich. Die Tische bogen sich unter riesigen, zarten Steaks, gebratenen Hühnern, Schweinekoteletts, Meeresfrüchten und hausgemachten Pommes Frites. An Ferienwochenenden stauten sich die Greyhound-Busse hunderte von Metern entlang der Straße zum Strand. Während sich die Motels bis auf den letzten Platz füllten, telefonierten Hoteliers sämtliche Privatleute nach weiteren Unterkünften für unangemeldete Gäste ab. In Wohnwagen, auf Veranden und in Rumpelkammern lagerten Besucher auf quietschenden Feldbetten und verstaubten Sofas. &lt;br/&gt;&lt;br/&gt;In diesen Tagen stand Abraham Lincoln Lewis oft auf der Veranda seines Hauses am American Beach, wie immer tadellos in Anzug und Krawatte. Er starrte wortlos auf den Ozean, wie er einst auf die Pools seiner weißen Nachbarn gestarrt hatte. Zwar musste er regelmäßig seinen Vertrag mit der State Police erneuern, der seinen Besuchern auf dem Weg nach Amelia Island Schutz vor gewalttätigen Übergriffen des Ku Klux Klan bieten sollte, doch insgesamt war der Strand ein größerer Erfolg geworden, als er jemals gehofft hatte: eine einzigartige Oase für schwarze Badegäste.&lt;br/&gt;Trotzdem war er nicht glücklich. Diesmal war der Feind nicht weiß, sondern flüssig: Gegen seinen ausdrücklichen Widerstand hatte der Alkohol am American Beach Einzug gehalten. In jedem Restaurant, in jedem Tanzsaal wurde der Whiskey gleich flaschenweise über den Tresen gereicht. &lt;br/&gt;Ausgerechnet seine langjährigen Freunde Ralph und Ada Lee hatten als erste die Standardklausel in Lewis Grundstückskaufverträgen angefochten, die den Bau jeder Einrichtung verbot, in der Alkohol verkauft oder in deren Gefolge mit der Störung der öffentlichen Ordnung zu rechnen war. Und ein haltloser Mensch namens Willie Evans hatte direkt gegenüber von Lewis Haus, in dem weder Zigaretten, noch Alkohol, noch Kartenspiele erlaubt waren, eine kleine gelbe Bar gebaut, die in kürzester Zeit zum Tempel der Tresenhänger aufstieg. &lt;br/&gt;Nach einem heißen Sommer voll nächtelanger Parties platzte Lewis der Kragen. Er bot Evans im Tausch für seinen gelben Schandfleck ein sechsmal größeres Grundstück am anderen Ende des Strandes an – ohne Aufpreis. Hier baute Willie sein „Evan´s Rendezvous“, vor dem Tag und Nacht Menschentrauben standen, stundenlang auf Einlass warteten und, wie eine Kritikerin des wilden Treibens es ausdrückte, „an der Garderobe jedes noch so kleine Fünkchen Anstand und Zivilisation abgaben“. Unter den großen Deckenventilatoren, deren Luftzug sich mit der sanften Ozeanbrise mischte, die weit geöffnete Fenster und Türen durch die drei Tanzsäle fächeln ließen, tobten rund um die Uhr elektrisierende Parties. &lt;br/&gt;Auf den Bühnen wechselten sich Musikerstars wie Ray Charles, Count Basie, Cab Calloway und Duke Ellington mit Revue-Girls ab. Vor den Tresen an der Küche und der Bar im Evan´s warteten ohne Unterlass Gäste in Vierer- oder Fünferreihen, um ihre Wünsche nach Fisch, Huhn oder harten Getränken loszuwerden. Tausende vergaßen in einem trunkenen Wirbel des Vergnügens ihre Sorgen, nur kurz durch das Aufblitzen eines Messers oder Colts nach einem hitzigen Streit zurück in die Wirklichkeit geholt. Für Momente stürzten dann hunderte aus dem Ballsaal, von Willie trocken mit den Worten kommentiert: „Hätten sie das nicht getan, hätte nach einer Schießerei niemand umfallen können – so voll war der Laden.“&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Den Höhepunkt des wilden Treibens erlebte Abraham Lincoln Lewis allerdings nicht mehr. Im Jahr 1947, kurz bevor in den Fünfzigern die goldene Ära des Strandes begann und der American Beach zum Traum eines jeden schwarzen Unternehmers avancierte, starb er 81-jährig nach einem langen, erfolgreichen Leben. &lt;br/&gt;Die Besitzer der Hotels und Restaurants umsorgten inzwischen ungezählte Gäste aus 29 der 48 amerikanischen Staaten. Familien buchten bereits bei ihrer Ankunft die Zimmer für das nächste Jahr. An allen Straßenkreuzungen dröhnten rund um die Uhr die aktuellen Hits der Coasters und Drifters, die bekanntesten Songs von Etta James, Ruth Brown und Ben E. King aus den Bars – gleichzeitig versteht sich. &lt;br/&gt;In „Reynold´s Sandwich Shop“ stärkten sich all diejenigen mit Fischbrötchen und Bier, die anschließend dichtgedrängt im „El Patio“ die Tanzflächen zu Sägemehl hotteten. Auf einer großen Düne schräg gegenüber lockte das „Sweet Tooth“ mit riesigen Wolken von Zuckerwatte und bunten Wirbeln von Soft-Ice. &lt;br/&gt;Noch viel süßer waren jedoch die Abenteuer in den Dünen. Mit schöner Regelmäßigkeit verschwanden junge Paare kichernd zwischen sanften Sandwellen und noch heute behauptet so mancher Bewohner des American Beach, der Ursprung seines Daseins liege im warmen Weiß des glitzernden Kalkstaubs.&lt;br/&gt;&lt;br/&gt;Dann, am 10. September 1964, fand der Spaß ein abruptes Ende. Der Hurricane Dora fiel heulend über den American Beach her, tobte, Sand und Wasser spuckend, durch die kleinen Straßen, schleuderte krachend ganze Zäune, ja sogar massive Betonbrocken durch die Gärten, brach türenrüttelnd und fensterklirrend in Ferienhäuser, Hotels und Restaurants ein, zertrümmerte polternd das Mobiliar, verbiss sich in ganze Häuser, riss sie aus ihren Verankerungen und zerrte sie schnaubend in den Ozean.&lt;br/&gt;Dora hinterließ weite Teile des American Beach verwüstet. Das hundert Meter über seine Ufer getretene Meer hatte „Evan´s Rendezvous“ überschwemmt, seine Veranda und die Keramik aus den Toiletten geraubt sowie sämtliche tiefgefrorenen Fische aus sieben Kühltruhen mitsamt ihren stählernen Gefängnissen zurück in ihr ursprüngliches Element überführt. &lt;br/&gt;Der Sturm hatte „Tino´s Restaurant“ verheerend beschädigt und drei kleine davor stehende Ferienhäuser schlicht ausgelöscht. Der einst prächtige „Blue Palace“ lag in Trümmern und blieb für die kommenden Jahrzehnte ein Mahnmal der ungezügelten Naturgewalt. &lt;br/&gt;Der wirkliche Grund für den Niedergang des American Beach waren allerdings nicht die Wunden, die Dora dem Strand zugefügt hatte, sondern - so paradox es klingen mag - das Ende der Rassentrennung. Nur zwei Monate vor Doras Überfall, am 2. Juli 1964, war ein neues Bürgerrechtsgesetz verabschiedet worden. Es garantierte Schwarzen Zugang zu allen öffentlichen Einrichtungen – Strände und Swimming Pools, die einst ausschließlich für Weiße reserviert waren, eingeschlossen. Der Protest dagegen ließ nicht auf sich warten: Am folgenden Tag bemerkte ein Motelmanager in St. Augustine, nur 40 Meilen südlich vom American Beach, schwarze Gäste in seinem Pool. Er schlich sich heimlich heran und schüttete hasserfüllt einen Kanister Salzsäure mitten unter sie. Danach ließ er den Pool trockenlegen und postierte Wächter zu seinem Schutz. &lt;br/&gt;Doch selbst Fanatiker wie dieser konnten den Gang der Geschichte nicht aufhalten. Entlang der ganzen Küste Floridas entdeckten und eroberten schwarze Badegäste neues Territorium, das ihnen früher verschlossen war. Langsam geriet der American Beach in Vergessenheit: Ferienaufenthalte wurden zu Tagestrips, Übernachtungen zu Stippvisiten, Restaurants und Hotels geschlossen. Selbst A. L. Lewis längst erwachsene Enkelin verkaufte ihr Haus. Nun standen auch ihr 1197 Meilen Strand in Florida offen.</description>
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      <title>Von Knoten und Zoten</title>
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      <pubDate>Wed, 12 Jan 2011 13:54:08 +0100</pubDate>
      <description>&lt;a href=&quot;http://www.boemedia.de/boemedia/Geschichten/Eintrage/2011/1/12_Von_Knoten_und_Zoten_files/ref%3Ddp_image_0ie%3DUTF8%26n%3D5174%26s%3Dmusic%26qid%3D1263905976%26sr%3D8-2.jpg&quot;&gt;&lt;img src=&quot;http://www.boemedia.de/boemedia/Geschichten/Media/object004_1.jpg&quot; style=&quot;float:left; padding-right:10px; padding-bottom:10px; width:240px; height:210px;&quot;/&gt;&lt;/a&gt;Plattenkritik: &lt;br/&gt;„Rogue’s Gallery“ – Pirate Ballads, Sea Songs &amp;amp; Chanteys“&lt;br/&gt;Gibt es etwas Uncooleres als Shanties? Hm. Was also ködert Sänger wie Bono, Sting, Lou Reed oder Nick Cave, sich damit abzugeben? Etwa die Erkenntnis des Musikproduzenten Hal Willner, dass „einfache Seefahrer in ihren Songs die lyrischen Qualitäten anerkannter Dichter entfalten“? Oder eher sein verschmitzt gewisperter Hinweis, manche Shanties seien „so obszön, dass man sich kaum traut, sie zu zitieren“?&lt;br/&gt;Vielleicht war es auch Willners guter Ruf der vergangenen 25 Jahre. Erarbeitet unter anderem durch hochgelobte Konzeptalben über den Jazzpionier Thelonius Monk und den Theaterkomponisten Kurt Weill. Jedenfalls holte er die genannten vier und über 30 weitere namhafte Menschen aus Pop, Folk, Jazz und Underground mühelos ins Boot, um sein Doppelalbum „Rogue’s Gallery – Pirate Ballads, Sea Songs &amp;amp; Chanteys“ aufzunehmen. &lt;br/&gt;Erste Bekanntschaft mit Chanteys machte Willner als pickliger Jüngling. Die aufregendste Radiostation seiner Heimatstadt, die sonst nur Musik von Jimi Hendrix oder Captain Beefheart und Hörspiele von Orson Welles sendete, brachte ein Feature über Seemannslieder – und Willner hasste sie. Bis auf einen Song. „Der klang, als gröle ein Haufen betrunkener Irrer zu Kettengerassel. Unglaublich kraftvoll. Seither sind über 35 Jahre vergangen. Trotzdem konnte ich fast den ganzen Song singen, als mir die Idee des Chantey-Albums vorgestellt wurde.“&lt;br/&gt;Inspiriert durch ihren Piratenfilm „Fluch der Karibik“, brachten der Regisseur Gore Verbinski und der Schauspieler Johnny Depp Willner auf Kurs. Monatelang kreuzte er durch Second Hand Plattenläden und das Internet, sammelte über 400 Songs von bekannt bis obskur. Dann lotste er seine berühmten Interpreten durch die Welt von Segeln, Seilen und Knoten, Strapazen, Tod und Zoten.&lt;br/&gt;Gemeinsam trieben sie dem Gassenhauer „What Shall We Do With A Drunken Sailor“ – bei weitem der bekannteste Song dieser Compilation - seine aufgesetzte Fröhlichkeit aus. Ersetzten sie durch die klamme Kälte der Morgendämmerung nach einer durchzechten Nacht. Die deprimierende Gewissheit, selbst bis zur Bewusstlosigkeit berauscht dem Seemannsalltag nicht entkommen zu können. Sie erstickten jede Versuchung zu bierseliger Schunkelei und verliehen dem simplen Rhythmus der Arbeiterlieder wieder seinen eigentlichen Sinn: Der eintönigen Plackerei einen Takt zu geben, der sie erträglicher gestaltete.&lt;br/&gt;Sie schufen kein naiv-vergnügliches Liedgut, wie es Männerchöre in blauweißen Uniformen darbieten. Nein, hier drohen Gefahr, Einsamkeit und Leid. Nicht zu verschweigen Brutalität, Niedertracht, Lüsternheit und was das Leben sonst noch an ausgegrenzten Eigenschaften mit sich bringt. Nicht umsonst heißt das Album „Rogue’s Gallery“ – Verbrecheralbum. Ein Panoptikum vom Leben gezeichneter Schurken singt sich die geschundene Seele aus dem Leib. Hier geht es ums nackte Überleben. Bis zur Menschenfresserei, der – bis 1885 nicht geahndet – manch Schiffsjunge zum Opfer fiel. Um zwangsrekrutierte Soldaten, die hoffen, auf See wenigstens Ruhm und Ehre zu erkämpfen, dann jedoch im Kanonenfeuer ihre Beine verlieren. Um Alkoholexzesse, frivolste Ferkeleien und fiese Fälle für den Hautarzt. &lt;br/&gt;Dies ist Folk Music im Wortsinn. Einfach, rau, oft düster - wie ihre Geschichten es verlangen. So interpretiert, erlangen die Seemannslieder ihre ursprüngliche Tiefe zurück. Und werden richtig spannend. Gibt es etwas Cooleres, als einer Sache gerecht zu werden? Kaum.</description>
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      <title>Die Western-Tour</title>
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      <pubDate>Tue, 11 Jan 2011 21:14:19 +0100</pubDate>
      <description>&lt;a href=&quot;http://www.boemedia.de/boemedia/Geschichten/Eintrage/2011/1/11_Die_Western-Tour_files/butch-cassidy-and-the-sundance-kid-1-1024.jpg&quot;&gt;&lt;img src=&quot;http://www.boemedia.de/boemedia/Geschichten/Media/object016_1.jpg&quot; style=&quot;float:left; padding-right:10px; padding-bottom:10px; width:254px; height:135px;&quot;/&gt;&lt;/a&gt;Nichts prägt unsere Vorstellung vom Wilden Westen so sehr, wie die überwältigende Landschaft der Four Corners-Staaten. „Westlich von Santa Fe“ gehörten „Rauchende Colts“ zum Alltag und tatsächlich entstanden viele der zahllosen Western-Klassiker mitten in New Mexicos geschichtsträchtiger Hauptstadt. Allerdings nicht in ihrem perfekt erhaltenen Adobe-Pueblo-Zentrum voller Galerien und Boutiquen, sondern auf eigens gebauten „movie ranches“.&lt;br/&gt;Sam Peckinpah, der die oben genannten TV-Serien als Autor und Regisseur prägte, bevor er mit Filmen wie „The Wild Bunch“ Kino-Welterfolge feierte, drehte zum Beispiel auf der J.W. Eaves Movie Ranch und der Bonanza Creek Ranch. Beide bieten Bilderbuchkulissen für Cowboy-Dramen, die man besichtigen kann. Kirk Douglas und Johnny Cash trugen hier ihren „Gunfight“ aus und „Der Mann aus Laramie“ James Stewart nahm Rache für seinen ermordeten Bruder.&lt;br/&gt;Den Schauplatz von Stewarts erfolgreichstem Western erreicht man nach 200 malerischen Meilen durch Berge und Wälder Richtung Nordwesten. „The Naked Spur – Nackte Gewalt“ entstand in Colorados charmantem Minenstädtchen Durango, das mit viktorianischen Saloons und Mikrobrauereien wie aus der Zeit gefallen scheint.&lt;br/&gt;Paul Newman und Robert Reford überfielen in den umliegenden San Juan Mountains als „Butch Cassidy &amp;amp; The Sundance Kid“ die fast 125 Jahre alte Durango &amp;amp; Silverton Schmalspur-Dampfeisenbahn. Heute befördert sie Touristen statt Gold durch das beliebte Ski-Gebiet.&lt;br/&gt;Das wohl wichtigste Dream Team des Western-Genres, der Regisseur John Ford und sein Hauptdarsteller John Wayne, erzählten in Durango „How The West Was Won“. Teile des Epos entstanden 150 Meilen weiter westlich an einem Ort, der wie kein anderer zum Sinnbild des Westens wurde: im Monument Valley. &lt;br/&gt;Der Weg dorthin führt über Mesa Verde, Heimat eines unbekannten Indianer-Volkes, das vor rund 700 Jahren spurlos verschwand und nur seine Pueblos hinterließ. Dann folgt das Four Corners Monument, wo sich New Mexico, Colorado, Utah und Arizona in einem Punkt berühren, und schließlich die unvergessliche Fahrt ins Monument Valley.&lt;br/&gt;Neun Filme drehte Ford zwischen den majestätischen Felsformationen, „Stagecoach“ war der erste, „The Searchers“ der berühmteste. Noch heute weist ein Schild auf den Ort hin, an dem der vierfache Oscar-Gewinner bevorzugt seine Kameras positionierte. Und spätestens hier, am „John Ford Point“, versteht man, warum Cinemascope erfunden werden musste: Dieses gigantische Panorama sprengt einfach jeden Rahmen.&lt;br/&gt;</description>
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      <title>Die Musik-Tour</title>
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      <pubDate>Mon, 10 Jan 2011 21:07:25 +0100</pubDate>
      <description>&lt;a href=&quot;http://www.boemedia.de/boemedia/Geschichten/Eintrage/2011/1/10_Die_Musik-Tour_files/QOTSA.jpg&quot;&gt;&lt;img src=&quot;http://www.boemedia.de/boemedia/Geschichten/Media/object028_1.jpg&quot; style=&quot;float:left; padding-right:10px; padding-bottom:10px; width:254px; height:135px;&quot;/&gt;&lt;/a&gt;Tief im Süden Arizonas, kurz vor der mexikanischen Grenze, liegt Tucson am Fuße der malerischen Santa Catalina Mountains. Sein indianisch-spanisches Erbe beschert „The Old Pueblo“ Touristenmagneten wie die verschnörkelte Mission San Xavier del Bac, den heiligen Schrein El Tiradito und viele liebevoll restaurierte, bunte Adobe-Häuser. &lt;br/&gt;Mitten in dieser denkmalgeschützten Idylle beherbergt Tucson eine weitere, unerwartete Attraktion: eine weltweit beachtete Indie-Rock-Szene. Im Hotel Congress, wo 1933 der Gangster John Dillinger geschnappt wurde, hinter der Art Deco-Fassade des Fox Theatres oder im Rialto Theatre, einst Stummfilm-, später Schmuddel-Kino, in dem Sex-Arbeiterin Annie Sprinkle Popcorn verkaufte, spielen Stars wie Steve Wynn und Neko Case. Sie fliegen extra aus New York oder L.A. ein, um in Tucson ihre CDs aufzunehmen.&lt;br/&gt;„Anfangs musste ich meinen Freunden den Arm umdrehen, damit sie mich in Tucson besuchten“, grinst Howe Gelb von der Desert Rock-Band Giant Sand. „Doch als sie hier die Mariachi Combos hörten, wollten sie gar nicht mehr weg.“ So kamen und blieben zum Beispiel Joey Burns und John Convertino, alias Calexico, mischten melancholische Balladen mit mexikanischer Folklore und eroberten weltweit die Charts. &lt;br/&gt;Ihren Namen liehen sie von dem kalifornisch-mexikanischen Grenzstädtchen Calexico, das man nach 300 staubigen Meilen westwärts durch die kakteenbestandene Sonora-Wüste erreicht. Hier feiert die mexikanische Gemeinde ein mehrtägiges Mariachi-Festival.&lt;br/&gt;Weiter geht‘s nach Indio, 90 Meilen durch den Korridor zwischen dem Salzsee Salton Sea und der beeindruckenden Einöde des Anza Borrego Desert State Parks. Hier beglücken zwei Veranstaltungen mit hervorragender Besetzung Rock- und Country-Fans: das Coachella und das Stagecoach Festival.&lt;br/&gt;Ums benachbarte Palm Desert bebt schon mal die Wüste, weil die Weltstars Queens Of The Stone Age zu „Desert Sessions“ laden. Ein Generator für den Strom sowie jede Menge Sprit für Mensch und Maschine sorgen für dröhnende Unterhaltung.&lt;br/&gt;Und Joshua Tree, eine heiße Autostunde hinter dem gleichnamigen Nationalpark, bietet zwei Festivals und einen Wallfahrtsort für Musikfans. Im Joshua Tree Inn starb 1973 die Country-Rock-Legende Gram Parsons von den Byrds am einschlägigen Cocktail aus Alkohol und Drogen.&lt;br/&gt;Parsons floh regelmäßig aus L.A. in den wunderschönen Park. Zwischen hinkelsteinähnlichen Felsen und bizarren Joshua Trees, die ihre verdrehten, knorrigen Äste in den Himmel recken, lauschte er dem spannendsten aller Geräusche, das heute noch die Wüste prägt: der Stille.&lt;br/&gt;</description>
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